Vom Boudoir in den Bazar

Seinem Entwurf für ein Serienhaus im Jahre 1920 gab er den Namen „Citrohan“, „Citrohan,“ – erläuterte er zwei Jahre später – „um  nicht zu sagen, Citroën“ und machte damit die Anspielung auf den Namen des Autoherstellers selbst für nicht Eingeweihte explizit. Dann, fünf Jahre später, gab er – Le Corbusier, der Große – seinem Projekt für die städtebauliche Umgestaltung von Paris den Namen Voisin: „plan voisin“, „le nom des célèbres constucteurs d’avions et d’automobiles“ – der Name der berühmten Flugzeug- und Automobilhersteller. Er war es auch,  der den Begriff Wohnmaschine prägte. Das Haus sollte dabei Produkt systematischer Standardisierung und Typisierung sein, „une maison comme une auto, conçue et agencée comme un omnibus ou une cabine de navire“ – ein Haus wie ein Auto, konzipiert und zusammengesetzt wie ein Omnibus oder eine Schiffskabine. Das alles ist nun nicht sonderlich neu, vielmehr, es hat sich mittlerweile im kollektiven Gedächtnis der Architekten tief, beinahe unauslöschlich eingraviert.

Was vielleicht weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass die Vorstellung, Gebäude seien Maschinen, keine Erfindung von Le Corbusier war, sondern seinen Ausführungen um mehr ein Jahrhundert voranging. Es war namentlich ein Arzt, Jacques Tenon (1724-1816), Chefchirurg des großen Pariser Krankenhauses La Salpêtrière und Verfasser der Schrift Mémoires sur les hôpitaux de Paris (1788), der das Krankenhaus „une machine de guérir“ nannte – also eine Heilungsmaschine. Ein anderer Wissenschaftler, Jean-Baptiste Leroy (1720-1800), der übrigens Bruder des Architekten und berühmten Antike-Forschers, Julien-David Leroy, war, bezeichnete in seiner Abhandlung Précis d’un ouvrage sur les hôpitaux (1789) das Krankenhaus, etwas weniger melodramatisch als Tenon, eine „Maschine zur Krankenbehandlung“. Beiden gemeinsam war jedoch die Idee, dass das spezifische Arrangement der Nutzungen, die daraus resultierende räumliche Anordnung und die gebäudetechnische Ausstattung des Krankenhauses sich unmittelbar auf die Heilungschancen der Patienten auswirkten. Dieser Determinismus blieb nicht auf das Krankenhaus beschränkt, sondern griff auf andere Bauaufgaben über. Der große Psychiater des frühen neunzehnten Jahrhunderts Étienne Esquirol (1772-1840), Verfasser der zweibändigen Abhandlung  Des Maladies Mentales (1838), die bis zum Ende des Jahrhunderts das Schlüsselwerk der Psychiatrie in ganz Europa blieb, war überzeugt, dass die Architektur bei der Heilung von Geisteskrankheiten eine ausschlaggebende Rolle spielte und war daher an den architektonischen Planungen zahlreicher Asylanstalten in ganz Frankreich unmittelbar beteiligt – natürlich auch derjenigen, der er selbst vorstand, des berühmten Hospice de Charenton.

Das Gefängnis war jedoch die Bauaufgabe, an der der Gedanke eines kausalen Zusammenhanges  zwischen Gebäudeform und vorgesetztem programmatischem Zweck seine schärfste Ausprägung fand. Jeremy Bentham (1748–1832), der britische Jurist und Philosoph gab das Ziel seines Idealprojekts für ein Gefängnis, das so genannte Panoptikon (1791), mit folgenden Worten an: „Eine vollständige Reform der Gefängnisse herbeiführen, das gegenwärtig gute Verhalten und die Besserung der Gefangenen sichern, Gesundheit, Sauberkeit, Ordnung und Fleiß in diesen Stätten einführen, die bisher von moralischer und physischer Korruption infiziert waren … und all das dank einer einfachen architektonischen Idee.“  Krankheit, Wahnsinn und Verbrechen wurden an der Wende vom 18. ins 19. Jh., wie der Architekturhistoriker Robin Middleton überzeugend feststellte, zu „Ursachen der Form“ – Sickness, Madness, and Crime as the Grounds of Form“, so war ein von ihm verfasster zweiteiliger Aufsatz betitelt, der 1992/1993 in der Zeitschrift AAfiles erschienen ist. Er stützte sich dabei auf das Werk des französischen Denkers Michel Foucault, der die Reformbemühungen auf diesen drei Gebieten auf bisher unübertroffene Weise analysierte (1961, 1963, 1975). Die Zeit der Reform bezeichnete Foucault als Zeit der großen Einsperrung. Sie war verbunden mit dem Aufkommen einer neuen Machtform, die es nicht wie früher auf Abschöpfung und Entzug – bis zum Entzug des Lebens selbst – absah, sondern auf die Verwaltung, Sicherung, Entwicklung und Bewirtschaftung des Lebens.  Und dazu  entwickelte diese Macht spezifische Techniken, die sie als Mittel der Disziplin, Kontrolle, Steigerung, Überwachung und Organisation (Rancière) einsetzte. Architektonisch gesprochen bedeutete dies eine Spezialisierung der Bauprogramme, was sich im 19. und im 20. Jahrhundert in einer Vervielfältigung der Bauaufgaben äußerte. In einem Vortrag, den Michel Foucault im März 1967 hielt, verwendete er für Orte, die  „abweichendem Verhalten“ gewidmet waren, den Begriff „Andere Orte“ oder „Heterotopien“, weitete aber den Katalog dieser Räume über die drei „Klassiker“ – Krankenhaus , Asyl, Gefängnis – hinaus beträchtlich aus: Friedhöfe, Theater, Gärten, Museen, Bibliotheken, Motels, Bordelle usw. gehörten nunmehr auch dazu.  Das Individuum wechselte immer wieder von einem geschlossenen Milieu zum nächsten über, jedes mit eigenen Gesetzen. So bemerkte der französische Philosoph Gilles Deleuze dazu, fügte aber gleich hinzu: „Aber die Disziplinierungen gerieten ihrerseits in eine Krise, zugunsten neuer Kräfte, die sich langsam formierten und sich nach dem Zweiten Weltkrieg rasant entwickeln sollten: Die Disziplinargesellschaften, da gehörten wir schon nicht mehr dazu, wir waren schon dabei, sie zu verlassen. Wir befinden uns in einer allgemeinen Krise aller Einschließungsmilieus…“ (L’Autre,  journal N° 1, Mai 1990) Mit anderen Worten: Die Grenzen zwischen Abweichung und Norm sind fließend geworden und ebenso die Grenzen zwischen den ihnen zugewiesenen Räumen, denn – um nochmals auf das Feld der drei „Klassiker“ zurückzukommen – heutzutage sind wir alle irgendwie krank, verrückt sowieso und sicher auch mehr oder weniger verdächtig.

Peter Kindermann, Professor für Klinische Psychologie der University of Liverpool gibt an, dass im Jahre 1840 in den USA nur ein einziges Krankheitsbild als psychische Störung registriert war, im Jahre 1917 waren die Kategorien psychischer Erkrankungen auf 59 angewachsen, 1959 auf 128, 1980 auf 227. In der Neuedition (2013), der fünften, des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM V), der so genannten Psychiater-Bibel, die seit 1952 von der American Psychiatric Association herausgegeben wird, sind insgesamt 350 Erkrankungen erfasst. Das hört sich an wie eine „mass customization of madness“: jedem seine Krankheit oder sein Mix aus Krankheiten. Oder: einige Millionen Drogenabhängige mehr – die Pharmaindustrie ist entzückt!

Da selbst bei einer lebenslangen Verurteilung, die effektive Haftzeit sich auf etwa 15 Jahre reduziert und dadurch die allmähliche Gewöhnung der Sträflinge an eine normale Lebensumgebung außerhalb des Gefängnisses bereits in einem Frühstadium der Haft notwendig wird, erwägt man verschiedentlich, Schwerverbrechern bereits nach fünfjähriger Haft, Hafturlaub zu gewähren. Nun gibt es Möglichkeiten, dies ohne ein unverhältnismäßig hohes Sicherheitsrisiko durchzuführen. Eine davon ist das aus den USA importierte System des electronic monitoring, vulgo Fußfessel – seit einigen Jahren auch in der Bundesrepublik zugelassen –, ein Mittel, das die Ortung einer Person, d.h. ihre Überwachung  lückenlos gewährleistet. Doch der Punkt hier ist, dass eine lückenlose Ortung nicht nur bei Hafturlaubern möglich ist, sondern auch bei uns allen, bei Dir und mir, vorausgesetzt wir haben ein eingeschaltetes Mobiltelefon in unseren Taschen. Der Normalbürger ist gegenüber dem Sträfling im Vorteil nur insofern, als ersterer sein Handy gelegentlich ausschalten kann. Doch es gibt weitere Mittel wie flächendeckende Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, großer Lauschangriff, Nacktscannen usw., die den Unterschied zwischen Norm und Abweichung im menschlichen Verhalten einebnen, und in einer Weise eingesetzt werden, als stünden alle Bürger grundsätzlich unter Generalverdacht  und selbst die Unschuldsvermutung – ein Grundprinzip rechtstaatlicher Ordnung – nicht mehr gelte.

Solche Beispiele – und man könnte die Aufzählung ad infinitum fortsetzen – helfen zu verstehen, was im Zuge der allmählichen Verdrängung des alten  Disziplinarregimes von einem neuen Kontrollregime mit der Feststellung einer Krise der Einschließungsmilieus gemeint ist. Doch nur, dass sich die Funktionen, die bisher spezialisierte Einrichtungen zu erfüllen hatten, in denen bestimmte Kategorien von Menschen untergebracht wurden, nunmehr streuen und ineinanderfließen und den gesamten Raum und das gesamte Leben – das private wie das kollektive – erfassen. Vorhin wurde angedeutet, dass bei der Entstehung der Einschließungsmilieus seit dem Ende des 18. Jh. die Architektur eine eminent wichtige Rolle gespielt hatte. Welche Rolle spielt sie aber heute innerhalb des neuen Regimes der Kontrolle. Welche Auswirkungen hat dieses Regime auf den Raum über die engmaschige Überwachung unserer Lebensmilieus und über deren Durchquerung von Datenströmen und elektronischen Signalen hinaus, die uns zwar mit Wissen, Informationen, Bildern und Affekten versorgen, die Kommunikation zwischen uns immens erleichtern, uns aber zugleich entkleiden und in völlig transparente Wesen verwandeln?

Die Vier-Funktionen-Teilung der Stadt war bekanntlich die Quintessenz des urbanistischen Denkens der Moderne – Ausdruck der Einschließungstechnik im urbanen Maßstab. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geriet diese Strategie in Misskredit und wurde für alle Defizite der modernen Stadt verantwortlich gemacht. Die Forderung nach Durchmischung der Funktionen kam auf und begleitet das städtebauliche Denken bis heute. Die Forderung nach Transparenz im Sinne  v.a. der visuellen Durchlässigkeit der Gebäudeaußenhaut war in den 1920er und 1930er Jahren ein wichtiges programmatisches Desiderat der Architekturavantgarde. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Transparenz-Doktrin flächendeckend durch und wurde bisweilen (v.a. in der alten Bundesrepublik) als Inbegriff einer demokratischen Architektur gehandelt. Die architektonische Form löste sich von der Funktion ab und verselbständigte sich, eine Entwicklung, die in den 1960er Jahren einsetzte und bis heute Diskurs und Praxis dominiert. Form follows form ersetzte die modernistische Doktrin form follows function und wurde zum Aushängeschild einer signature architecture, die auch die Grundlage für das gegenwärtige architektonische starsystem bildet. Während dieser Zeit schwand die Bedeutung des Bauprogramms im architektonischen Gesamtdispositiv mit raschem Tempo, eine Entwicklung, die sich bereits in Mies van der Rohes Vorstellung des neutralen Rahmens abgezeichnet hatte. Die Durchmischung der Programme erreichte wiederum die Ebene des Gebäudes und führte manchmal zu hybriden programmatischen Ansätzen. Die Architektur machte also die Öffnung der Einschließungsmilieus mit, verlor aber im Zuge der damit einhergehenden programmatischen Entschärfung  ihrer Erzeugnisse ihre soziale Relevanz, sie wurde sozusagen entmachtet und wurde selbst sozial indifferent. Mit der Öffnung der Einschließungsmilieus hat die Architektur als Disziplin paradoxerweise (weil kontrafaktisch) sich selbst einschließen lassen – ins Boudoir ihrer Autonomie nämlich, wie Manfredo Tafuri schon seit vielen Jahren präzis erkannte. Für Architekten ist dies, d.h. die Tatsache, dass die Architektur von ihren Aufgaben als Instrument der Biomacht (der Macht über das Leben – noch  ein Begriff Michel Foucaults) weitgehend entbunden worden ist, dennoch keine unbedingt ungünstige Ausgangslage, trotz der Gefahren ihrer Marginalisierung und ihres Abrutschens in die Bedeutungslosigkeit, die ein derartiger Zustand zweifellos für sie birgt. Die relative Gunst des Augenblicks kann aber nur dann genutzt werden, wenn die Architektur die Schranken ihrer splendit isolation durchbricht, sich den Sprung vom Boudoir in den Bazar (Eric S. Reymond) zumutet und ihn dann auch vollzieht: den Sprung ins Leben, das sich selbst organisiert, Synapsen und Konnektivitäten, Beziehungen und Kollektivitäten aufbaut, den Sprung in die Vielfalt der Lebensentwürfe und Lebensstile, der unterschiedlichen Profile, Posen und Verkleidungen. Es wird dann freilich auch nötig sein, dass Architekten die selbstverliebte, auktoriale Attitüde, die alles auf Identität, Aura und Authentizität setzt, zumindest teilweise abwerfen, um stattdessen nicht nur die weitverzweigten Netzwerke von spezialisiertem Wissen und Expertise zu nutzen, sondern auch und vor allem  die Intelligenz des Nutzers selbst. Denn der Nutzer ist kein Phantom mehr, wie in der Moderne, die ihn hinter einheitlichen, auswechselbaren Eigenschaften versteckt hielt (Bruno Latour); er lässt sich nicht mehr wie ein Industrieprodukt standardisieren und typisieren und ebenso lassen sich die Räume, die er bewohnt, nicht mehr ohne Weiteres, wie zu Zeiten Le Corbusiers,  standardisieren und typisieren. Der Sprung in den Bazar mag zunächst wie ein Sprung ins Chaos anmuten. Das wäre so, wenn wir heute nicht über die Instrumente verfügten, die uns zunehmend in die Lage versetzen,  Situationen höchster Komplexität und Dynamik bei Wahrung der Singularität ihrer Akteure zu erfassen und zu gestalten.

© Sokratis Georgiadis, 2015

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