Monat: September 2015

Material

Dass die Architektur materielle Produkte hervorbringt und ohne Material nicht denkbar ist, sollte trotz des vor allem von der Moderne vielfach geäußerten Verlangens nach „Entmaterialisierung der Architektur„, trotz der Mutmaßungen jüngeren Datums über das „Verschwinden der Architektur“ angesichts der digitalen Revolution selbstverständlich sein. Dazu kommt, dass  in den letzten Jahren das Interesse am Material aus einer Reihe  von Gründen wiedererwacht zu sein scheint. Technologische Entwicklungen, haben die Palette der verfügbaren Werkstoffe spektakulär erweitert: Faserbetone, faserverstärkte Kunststoffe, Phase Change Materialien, geschäumte Materialien, Nanowerkstoffe, Smart Materials usw. eröffnen bisher nicht gekannte Perspektiven auf diesem Gebiet; die gewachsene ökologische Sensibilität, das Bewusstsein von der Beschränktheit der natürlichen Ressourcen und das Gebot des nachhaltigen Wachstums verleihen Fragen nach dem Materialverbrauch und dem Effekt des Materialeinsatzes in der Architektur einen eminent wichtigen Stellenwert; im Rahmen aktueller philosophischer Debatten werden schließlich die Fragen nach dem Verhältnis von Form und Materie, die die Philosophie seit jeher beschäftigt haben, neu gestellt und verhandelt: die angenommene Spaltung zwischen Form und Materie, ein Widerspruch, der in der Philosophie über Jahrtausende grundlegend war, als auch die damit einhergehende  Privilegierung der Form gegenüber der Materie sind Standpunkte, die sich nunmehr ihrem Ende zuneigen.

Man könnte über eine Neudefinition des Form/Material Verhältnisses nachdenken, eines Verhältnisses, das sich auch in der Architektur als ein hoch problematisches erweist.  Selbst aktuelle Forschungsansätze, die  Wechselwirkungen zwischen Material, Struktur und Umwelt  in den Mittelpunkt der Betrachtung  stellen,  haben, anders als erwartet, noch unter diesem problematischen Verhältnis zu leiden. So wird etwa im Zusammenhang mit der Verwendung digitaler Entwurfs- und Herstellungsverfahren weiterhin  über gestalterische Befreiungsschläge „von materialspezifischen, konstruktiven und herstellungsbedingten Zwängen“ gesprochen und in eben dieser Metaphorik von Zwang (verbunden stets mit dem Material) und Befreiung (verbunden stets mit der Form) drückt sich das Unvermögen aus, sich vom hergebrachten, offenbar im architektonischen Denken fest verankerten Misstrauen gegenüber dem Material  zu lösen. Der Architekt sei kein Zimmermann formulierte bereits Alberti mit unmissverständlicher Eindeutigkeit und er fügte hinzu „dass der Mann, der mit seinen Händen arbeitet, dem Architekten als Werkzeug dient.“ Nicht Bauen ist das Metier des Architekten, sondern Projektieren und Zeichnen. Seine Tätigkeit ist im Bereich der Ideen angesiedelt und Ideen mögen zwar real sein, doch sind sie stets auch und vor allem immateriell. Die von der spezifischen Rolle des Architekten im arbeitsteiligen Prozess des Bauens bedingte Materialvergessenheit kulminiert in Materialfeindlichkeit, sobald der Architekt die ihm eigene Kompetenz des Entwerfens mit demiurgischen Eigenschaften höherer Ordnung ausschmückt. In diesem Fall ist sein Tun und Handeln allein von seinem entfesselten Formwillen getragen, den er dem Material aufzwingt, indem er seinen Widerstand bricht,  es  besiegt und womöglich auch vernichtet. Diese Vorstellungen haben das Selbstverständnis des Architekten jahrhundertelang geprägt, und sind auch für die vorhin skizzierten heutigen Schwierigkeiten beim architektonischen Umgang mit dem Material verantwortlich.

Man könnte aber auch einen anderen Weg einschlagen. Dieser Weg  erfordert primär ein neues Verständnis vom Material:  nicht als passiver, undifferenzierter, bestimmten fremdgesteuerten Einwegoperationen neutral ausgesetzter Stoff, sondern als wirkende Kraft sowohl auf den Prozess des Entwerfens als auch hinsichtlich seiner Performance im Bau selbst. An die Stelle der Form/Material Kontradiktion wird die Form/Material Transaktion treten, wobei zu  klären sein wird, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise die beiden Systeme interagieren können. Aber man wird den Ansatz auch weiter radikalisieren können. Man wird etwa die Frage stellen können, was passieren würde, wenn das Material oder die Materialflüsse von jedweder Metrik, Proportionierung oder, allgemein gesprochen, Formgebung befreit worden wäre. Zur Lösung stellen sich hier drei grundsätzliche Probleme, die der Philosoph Gilles Deleuze – allerdings auf dem Gebiet der Musik – formuliert  hat und die wir womöglich auf die Architektur übertragen können: 1) Wie lassen sich die heterogenen, nicht-übereinstimmenden und nicht kommunizierenden, aber im Bauwerk zusammenfließenden  Materialströme artikulieren? 2) Wodurch erhält die Architektur oder besser das Bauwerk seine Dingheit, wenn es nunmehr weder Form noch Subjekt  gibt sondern „nur“ Materialströme?  3. Wie übt das Material (das nicht als einfache, undifferenzierte, sondern als elaborierte, komplexe Materie am Werke ist) seine Wirkung aus, wenn es nicht der architektonischen Form untergeordnet ist?

© Sokratis Georgiadis, 2015

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