MASKEN, ALLTÄGLICH UND EXTRAORDINÄR

AHA: die Abkürzung steht bekanntlich für die drei Corona-Gebote, (1) Abstand, (2) Hygiene, (3) Alltagsmaske. Bei (1) und (2) ist die Assoziation zwischen Abbreviatur und Wort recht einfach, beim Buchstaben (3) muss man jedoch zwei- bis dreimal um die Ecke gehen, um – falls dies überhaupt gelingt – auf das damit Abgekürzte zu stoßen. AHA sollte das Memorieren erleichtern, realiter wird aber damit das genaue Gegenteil davon erreicht. Selbst nach des Rätsels Lösung tauchen andere schwerwiegende semantische Probleme auf: wieso denn Alltagsmaske? Muss (oder darf) sie etwa bei Sonn- oder Feiertagen, in den Ferien oder zu außerordentlichen Anlässen nicht mehr getragen werden.? Alles in allem, von den drei Geboten ist das dritte das deutungsschwierigste. Das zeigt sich nicht so sehr in der Maskenpflichtverweigerung, in der Nasendemaskierungspraxis und in der Unterkinnmaskierungspraxis, denen man sich der Bequemlichkeit halber leichtsinnig hingibt, sondern hat tiefere Ursachen.    

Maske, sagen die Lexika, ist ein aus dem Arabischen übernommenes Wort – „maskharat“ –, das einen speziell zur Bedeckung des Gesichts oder eines Teils davon hergestellten Gegenstand bezeichnet, der dazu dient, dessen Gestalt so zu verändern, dass es nicht mehr erkennbar ist. Die Griechen verwendeten dafür das Wort προσωπείον (prosōpeion), seltener προσωπίς (prosōpis), beides Ableitungen aus πρόσωπον (prosōpon), einem Wort, das sich als  Gesicht, Angesicht oder Antlitz übersetzen lässt, seit Homer aber, d.h. seit dem 8. Jh. v. Chr. auch die Person bezeichnet. Πρόσωπον wäre demnach die Person, die man ist; προσωπείον, Maske oder Larve, entspräche der Rolle, die jemand spielt, die Person, die sie oder er im Privaten, aber v.a. in der Öffentlichkeit präsentiert oder darstellt. Die Maske ist also stets eingebunden in performative Akte. Pindar, der lyrische antike Dichter, der an der Wende vom 6. zum 5. Jh. v. Chr. lebte, verwendete das Wort προσωπείον (prosōpeion), Maske oder Larve, zudem, um den äußeren Glanz, die Pracht, den Schimmer, die Würde und den Anstand zu bezeichnen, sofern diese Eigenschaften ins Auge fielen. Masken wurden zunächst auf religiösen Festen verwendet. So sind etwa rituelle Tänze zu Ehren von Göttern und Göttinnen überliefert, deren Beteiligte Masken trugen. Dann kam das Theater, das tragische wie das komische, wo man der jeweiligen Gattung entsprechend maskiert auftrat. Vilem Flusser erinnert uns an römische Theatermasken, die wie Lautsprecher gebaut waren, durch die das Sprechen in den Raum tönte und daher persona hießen (abgeleitet von personare = hindurchtönen). 

Seit der Antike hat das Wort – oder vielmehr der Gegenstand – eine beachtliche Karriere hinterlegt. Heute gibt es über die überlieferten Verwendungsweisen hinaus Sauerstoffmasken, Tauchermasken, Schutzmasken aller Art, kosmetische Masken, chirurgische Masken bis zu Automasken, Schiffsmasken und viele andere mehr; nicht zu vergessen die metaphorische Verwendung: „sie versteckte ihre Angst hinter einer Maske von Gleichgültigkeit…“  oder „er versteckte sich hinter einer Maske von Regungslosigkeit“ – eine bei Pokerspielern typische Eigenschaft.

Ein besonders prominenter Anlass der Maskierung ist der Karneval, einer Maskierung, die oft begleitet wird von der Kostümierung des gesamten Körpers. In diesem Fall ist nicht nur die einzelne Person, sondern die ganze Festgemeinschaft betroffen. Was für merkwürdige Dinge als Folge der Maskierung/Kostümierung in einem solchen Rahmen passieren, hat niemand besser beschrieben als der russische Literaturwissenschaftler und Philosoph, Michail Bachtin: „Karneval ist ein Schauspiel ohne Rampe“, schrieb Bachtin, „ohne Polarisierung der Teilnehmer in Akteure und Zuschauer. Im Karneval sind alle Teilnehmer aktiv, ist jedermann handelnde Person. Dem Karneval wird nicht zugeschaut, streng genommen wird er aber auch nicht vorgespielt. Der Karneval wird gelebt – nach besonderen Gesetzen und solange diese Gesetze in Kraft bleiben. Das karnevalistische Leben ist ein Leben, das aus der Bahn des Gewöhnlichen herausgetreten ist. Der Karneval ist die umgestülpte Welt. Die Gesetze, Verbote und Beschränkungen, die die gewöhnliche Lebensordnung bestimmen, werden für die Dauer des Karnevals außer Kraft gesetzt. Das betrifft vor allem die hierarchische Ordnung und alle aus ihr erwachsenden Formen der Furcht, Ehrfurcht, Pietät und Etikette, das heißt: alles was durch die sozialhierarchische und jede andere Ungleichheit der Menschen, einschließlich der altersmäßigen, geprägt wird“ (1965). Eine geradezu emanzipatorische Funktion wird hier dem Karneval zugesprochen, die modellhaft eine andere Welt und ein anderes, freies, von menschlicher Nähe und Freundschaft gekennzeichnetes Leben verwirklicht. Ohne Maskierung wäre dieses Leben kaum denkbar gewesen.

Der größte Karnevalsenthusiast und Maskenanbeter auf dem Gebiet der Architektur war der deutsche Architekt des 19. Jahrhunderts Gottfried Semper.  „[… ] das Bekleiden und Maskieren [ist] so alt wie die menschliche Civilisation“, schrieb er in seinem Buch Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten (1860, 1863), „und die Freude an beidem [ist] mit der Freude an demjenigen Thun, was die Menschen zu Bildnern, Malern, Architekten, Dichtern, Musikern, Dramatikern, kurz zu Künstlern machte, identisch. Jedes Kunstschaffen einerseits, jeder Kunstgenuss andererseits, setzt eine gewisse Faschingslaune voraus, um mich modern auszudrücken, – der Karnevalskerzendunst ist die wahre Atmosphäre der Kunst“ (Der Stil, I/231). Interessant ist hier, dass Semper das Bekleiden und das Maskieren in einem Atemzug nennt – in architektonischen Begriffen bedeutet dies, dass die Gebäudehülle nicht allein die Funktion der Raumabschließung – der Scheidung von innen und außen – zu  erfüllen hat , sondern überdies die genauso wichtige Aufgabe, das  individuelle Bauwerk, die Architekturperson in der Öffentlichkeit vorzustellen, um mit Pindar zu sprechen, die Pracht, die Würde und den Anstand des Gegenstands sichtbar zu machen. Das hat die Architektur immer so gemacht, sie hat Masken benutzt, um Ideen auszudrücken, die über die materielle und formale Organisation eines Gebäudes hinausgingen, sie hat Masken benutzt um ihre tektonische Struktur nach außen hin sichtbar zu machen oder eine solche nur vorzutäuschen, sie hat Masken benutzt, um  die spezifische Aufgabe, den Zweck, dem das Bauwerk jeweils zu dienen hatte, sichtbar zu machen, vorzustellen usw. Sie hat mit ihren Masken veranschaulicht, erklärt, getäuscht, verführt und das tut sie im Großen und Ganzen immer noch. Mit anderen Worten, die Architektur hat mittels ihrer multiplen Masken stets ihre Zuständigkeit in der Öffentlichkeit, im öffentlichen Raum bekräftigt.  

Wie stellen sich aber die Dinge hinsichtlich der Masken heutzutage dar?

Will man eine aktuelle Maskendiagnostik durchführen, so ist man gut beraten, eine besondere Kategorie der Maskennutzung unter die Lupe zu nehmen.  Es ist kein Geheimnis, dass für das Handeln von Individuen, deren Lebensweg vom durch die jeweilige Konvention festgelegten rechten Pfad der Tugend abwich, Masken stets ein wichtiges operatives Utensil waren. Auch heute ist das so geblieben. Dabei erfährt man, dass moderne Einbrecher, Räuber, Diebe, Kidnapper, Brandstifter, Plünderer beiderlei Geschlechts eine besondere Vorliebe für maßgefertigte Masken haben. Dies hat funktionelle Vorteile – die Maske sitzt besser –, ist aber auch verknüpft mit dem gesamtkulturellen Trend der Mass Customization.  Die Technik zur Herstellung solcher Masken, die bislang auf Gipsbasis standen, und Totenmasken sehr ähnelten, war zwar nicht besonders kompliziert, aber doch recht umständlich, da vor allem während der ganzen Prozedur, die immerhin mehrere Minuten dauerte, das Gesicht reglos bleiben musste (bis der Gipsbrei mit dem es beschmiert war, trocknete). Heute hat sich die Maskenherstellungstechnik enorm verbessert. Mit dem Einsatz elektronischer Technologie kann man das Gesicht innerhalb kürzester Zeit – 0,2 Sekunden – mit größter Präzision – 300.000 Einzelmesspunkte – scannen.  Mit der Hilfe von 3D Modeling Software bekommt man daraus eine dreidimensionale mathematische  Darstellung des Gesichts, die man dann mit einem 3D Printer als dreidimensionales physisches Objekt  je nachdem als Positiv- oder Negativform erzeugen kann. Die Vorteile gegenüber dem konventionellen Verfahren liegen in der Schnelligkeit der Aufnahme, die einen praktisch unbewegten Zustand des Gesichts erlaubt und in der Vermeidung des physischen Kontakts mit der Gesichtsoberfläche und damit aller dadurch verursachter Probleme. Außerdem ist dieses Verfahren weit komfortabler für den/die Kund*in. Nun, das sind zunächst die guten Nachrichten für unsere Delinquenten. Problematisch, sehr problematisch sogar wird die Sache, wenn die Verfolgungsinstanz in den Besitz der Maske gerät oder des Template des Gesichts, das sehr wahrscheinlich als Datei im Computer des/der Maskenbildner*in gespeichert ist. Mit der geeigneten Software lässt sich nämlich dieses Template mit tausenden Gesichtsbildern, die sich in den behördlichen Datenbanken befinden, in Sekundenschnelle vergleichen. Es reicht auch nur, wenn die Behörden über einige biometrische Daten der betreffenden Person verfügen, um deren Identität mit großer Präzision festzustellen. Und das tun sie unter dem Kontrollregime, auf dem heutige Macht aufbaut, potenziell bei jedem Sterblichen.  Wenn überdies die Behörde in den Besitz der Maske selbst gelangt und sich darauf Spuren organischer Substanz finden, kann sie durch DNA-Analyse die Identifizierung der Person doppelt bestätigen – zwei positive Matches statt eines. Mit anderen Worten: die Maske hat sich aus einem Instrument des Verbergens, des Versteckens, der Unkenntlichmachung der Identität des/der Maskenträger*in in ein Instrument der vollkommenen Transparenz, d.h. in ihr absolutes Gegenteil verwandelt. Dafür sind viele Faktoren verantwortlich: der umfangreiche Einsatz entwickelter elektronischer Technologien, die Fortschritte biogenetischer Forschung, der kulturelle Trend der Mass Costumization, ein Staat der primär auf Kontrolle statt auf Disziplin setzt und seine Behörden apparativ und personell entsprechend ausstattet.

Theatermasken, Karnevalsmasken und Masken der Delinquenz sind ohne jeden Zweifel extraordinäre Masken. Unterwegs zu den alltäglichen stößt man jedoch auf weitere Masken, deren kategoriale Zuordnung nicht so leichtfällt. Dazu gehört die religiös begründete Vollverschleierung, wie sie bei Burka bzw. Nikab Trägerinnen in Erscheinung tritt. Bei ersterer ist nur ein kleiner Teil des Gesichts um die Augen herum durch ein in den Stoff eingearbeitetes Sichtgitter vage zu erkennen, während bei der zweiten nur die Augen der Person unverhüllt zu sehen sind. Mehrfach erschien für einen großen Teil der Bevölkerung, der öffentlichen Meinung und der Politik diese Bekleidungsform und ganz besonders, die Art und Weise, auf die das Gesicht verdeckt bzw. maskiert wurde trotz der Seltenheit ihres Vorkommens als Skandalon. ‚Bei uns begegnet man sich mit offenem Gesicht‘, war oft zu hören. ‚Bei uns‘: damit war das ‚Abendland‘ explizit oder implizit gemeint, dessen Untergang im Falle der Tolerierung dieser vermeintlichen Monstrosität gewittert wurde. Es wurden Verbote des öffentlichen Erscheinens in diesem Outfit angedroht und teilweise auch ausgesprochen. Seit einigen Monaten ist aber der Aufschrei, hinter dem sich oft pure Islamophobie verbarg, ganz plötzlich verstummt: Der Grund dafür ist ganz einfach: Burka und Nikab sind AHA-konform! Das gesamte Abendland (und nicht nur) darf nicht nur, es muss sich (sogar unter Androhung von Strafen bei Nicht-Compliance) maskieren, im Prinzip wie Burka oder Nikab tragende Frauen. Auch das Verbot des Händedrucks als Begrüßungsform zwischen Frauen und Männern in manchen islamischen Kontexten ist übrigens mittlerweile ebenso AHA-konform und daher geboten – Abstand! Und zwar generell – d.h. unabhängig vom jeweiligen Geschlecht der sich Begrüßenden. Ähnlich verhält es sich mit einer anderen Form der Transition von extraordinären zu gewöhnlichen Masken. Ältere werden sich an die leidenschaftlichen Debatten um das Vermummungsverbot Mitte der 1980er Jahre erinnern. Das entsprechende Gesetz, das die Vermummung unter bestimmten Bedingungen als Straftat definierte, konnte nur mit den Stimmen der damaligen Koalition aus Union und Liberalen vom Parlament verabschiedet werden. Die Praxis der (strafbaren) Vermummung war und ist dabei bei einem winzig kleinen Segment des politischen Spektrums beliebt und vorfindbar – man nennt diese Leute ‚die Autonomen‘. Die Frage, inwiefern daraus eine ernsthafte „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ ausgehen könnte, sei hingestellt. Jedenfalls ist heutzutage Autonomie [zumindest was (1) angeht] auch AHA-Konform, ist das Maskierungsgebot heute, in Zeiten der zweiten Corona-Welle, generell, in allen Lebenslagen und Situationen, sobald man die eigenen vier Wände verlassen hat.

Bleibt abzuwarten, was uns die Post-Corona-Zeit hinsichtlich Maskierung bescheren wird, v.a. wie sich moderne Kreuzfahrer und Law-and-Order-Neurotiker verhalten werden. Die Architektur gibt womöglich einen nützlichen Fingerzeig zu einem produktiveren Umgang mit Masken, alltäglichen und extraordinären gleichermaßen.  

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