Doppelgänger – 2

Noch bis zum 11. Januar ist im Jüdischen Museum in Berlin die Ausstellung mit dem Titel „Die Erschaffung der Welt“ zu besichtigen. Unter den Exponaten befindet sich eine Kunstinstallation der Gruppe „robotlab“ vom ZKM Karlsruhe (Matthias Gommel, Martina Haitz, Jan Zappe). Kernstück der Installation ist ein Roboter, der den Namen „bios (torah)“ trägt; Bios steht für Basic Input Output System (BIOS), Torah für das heilige Buch der Juden, den Pentateuch oder den ersten aus fünf Büchern bestehenden Teil des Alten Testaments, dessen Original, von Gott selbst diktiert, von Moses auf dem Berg Sinai niedergeschrieben wurde und welches nach dem 18. Gebot des jüdischen Gesetzes von jedem Gläubigen einmal im Leben abgeschrieben werden muss. Der Roboter nun ist so programmiert, dass er genau diese Arbeit leistet, dass er nämlich innerhalb von drei Monaten die Torah, alle ihre 304.805 hebräischen Buchstaben, von rechts nach links und  in zehnstündiger täglicher Arbeit schreibt. (1)

Wie die Schweizer Architekten Gramazio und Kohler, die sich auf einen extensiven Einsatz von Robotern auf dem Gebiet der Architektur spezialisieren, sagen, sind industrielle Roboter versatile Maschinen, d.h. sie erlauben ein Höchstmaß an Vielseitigkeit, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität. Sie sind das, weil Roboter – wie Computer – „generisch“ sind; ihre Konstruktion ist nicht (wie bei konventionellen Maschinen) auf spezifische Teilanwendungen zugeschnitten, nicht auf eine im Voraus festgelegte Bandbreite von Aufgaben reduziert, die auf Wiederholung von Bewegungen basieren. Ihre sozusagen „manuelle“ Geschicklichkeit kann frei konzipiert und programmiert sein, ihre materiellen Manipulationsfähigkeiten können so zielgerecht ausgerichtet sein, dass besondere konstruktive Absichten sowohl auf materieller als auch auf konzeptioneller Ebene erfüllt werden können. (2) Genauso arbeitet „bios (torah)“.

„Und nun also arbeitet er, programmiert mit hebräischen Buchstaben, am heiligsten Buch der Juden. Ein unermüdlicher Diener. Von einem Kolben ausgehend, führt ein Schlauch der Schreibfeder am Ende seines Greifarms beständig schwarze Tinte zu. Die Feder setzt auf, zieht einen Strich, hebt ab, setzt neu an, zieht die nächste Linie oder tupft Punkte aufs Papier. Tora-Kolumnen werden nach Ktav Ashuri, nach ‚assyrischer Art und Weise‘, in aschkenasischer oder sephardischer Schrift und von rechts nach links geschrieben. Hat der Roboter eine Spalte vollendet, kehrt er mit ausholender Bewegung in die Ruhestellung zurück, ein Mechanismus zieht die zwischen zwei Rollen gespannte Papierbahn ein Stück voran, der Greifarm bezieht neu Position und weiter geht’s.“ (3)

Der Roboter ahmt menschliche Schreibarbeit nach; zwar sind die Bewegungen seines Greifarms etwas weiträumiger als die Bewegungen des Gelenks der schreibenden menschlichen Hand, aber sowohl Prozess als auch Effekt sind durchaus vergleichbar. Bedeutet aber dies, dass der Roboter nun gläubige Juden von der Pflicht der Abschrift der Torah befreit und dass die Roboterrollen sogar für den jüdischen Gottesdienst, für den keine Druckexemplare des heiligen Buches zugelassen sind, geeignet wären? Mintnichten! Denn das Abschreiben der Torah nach dem 18. Gebot ist kein einfacher manueller oder mechanischer Akt des Kopierens der Vorlage, sondern eine kultische Handlung. Sie erfordert seitens des Schreibenden eine gründliche Vorbereitung und ein Eintauchen in die heilige Schrift, ein mentales Aufgehen in ihr, nicht nur um sie vertieft zu verstehen, sondern auch um ihre Inhalte korrekt, dauerhaft und beständig in sich aufzunehmen. Diese Praxis ist zudem stark ritualisiert: „Wenn ich dann während des Schreibens zum Gottesnamen komme“, erläutert Rabbi Reuven Yaacobov, „(sage ich,) bevor ich den Gottesnamen schreibe: ‚Der Name des Herrn ist heilig‘. Dann wird das Wort geschrieben. Wenn man dies nicht vor jedem neu niederzuschreibenden Gottesnamen sagt, ist die Torah nicht mehr verwendbar.“ (4)

Das zweite kritische Problem des Roboters liegt darin, dass er keine urteilende Maschine ist. Selbst- oder fremdverursachte Fehler kann sie beispielsweise nicht erkennen und korrigieren. Aber Fehler in der Torah sind nicht erlaubt. Wer beim Abschreiben auch nur einen einzigen Buchstaben weglässt oder hinzufügt, zerstört die Welt, heißt es in einem Auslegungstext der Torah. (5) Und das liegt auf der Hand, denn die Torah ist nicht nur Bericht der Entstehung der Welt, sondern auch ihr Bauplan. Vermutlich aus dem 11. Jahrhundert stammt die Aussage eines Torah-Gelehrten zum Buch Genesis (Midrasch Bereschit Rabba), nach welcher Gott „in die Tora sah und die Welt schuf“. „Der Urheber dieses Satzes“, kommentiert Gershom Scholem dazu, „muss gedacht haben, dass das Gesetz, das die Schöpfung als solche und damit Kosmos und Natur regiert, schon in der Tora präfiguriert war und daher von Gott, als er in sie hineinsah, erblickt werden konnte“. (6) Die Torah wäre demnach ein Vorgriff auf die Welt oder ein Vorabbild derselben, der Entwurf, mit anderen Worten, des Weltgebäudes, der dessen Entstehung vorangegangen ist. Die Verwendung dieser architektonischen Metaphorik scheint nicht nur im Falle der Torah berechtigt zu sein. Sie taucht noch expliziter in der christlichen Theologie des Mittelalters, namentlich in Thomas von Aquins Summa auf: „Die Form des zu Erzeugenden muss im Erzeugenden ein Vorbild (similitudo) besitzen… Dieses geschieht in doppelter Weise: In manchen wirkenden Subjekten präexistiert die Form des zu erzeugenden Dinges im Sinne natürlichen Daseins, wie etwa der Mensch den Menschen erzeugt, oder das Feuer das Feuer – in anderen aber im Sinne intelligiblen Daseins, nämlich bei solchen Subjekten, die durch den Geist wirken. So präexistiert das Haus im Geiste des Baumeisters; und die kann als Idee des Hauses bezeichnet werden, weil der Künstler das (sc. wirkliche) Haus derjenigen Form, die er im Geist erfasst hat, nachzuahmen bestrebt ist. Da nun die Welt nicht durch Zufall entstanden ist, vielmehr von Gott als einem geistig wirkenden geschaffen wurde, muss notwendigerweise im göttlichen Geiste eine Form vorhanden sein, nach deren Muster die Welt geschaffen ist. Und darin besteht das begriffliche Wesen der Idee.“ (7)

Die interessante Pointe dabei ist, dass diese Vorstellung genau der Einstellung entspricht, die auch der Architekt selbst mindestens seit der Renaissance gegenüber seiner eigenen Arbeit entwickelt. Der Architekt als entwerfender Schöpfer, der das Buch zum Gebäude verfasst, noch bevor es entstanden ist oder seine Figur in Form einer maßstabsgetreuen Zeichnung im Grund- und Aufriss festhält, in der sein Bauwerk präfiguriert ist. Aufgrund des Buches oder der Zeichnung ist fortan nicht nur ein Gebäude, sondern zahllose Kopien desselben möglich, eines Gebäudes, bei welchem „man weder etwas hinzufügen, noch hinweg nehmen oder verändern kann, ohne (es) weniger gefällig zu machen“, wie Leon Battista Alberti in seinem Architekturtraktat um die Mitte des 15. Jahrhunderts formulierte. Alberti selbst wusste allerdings, dass eine solche Perfektion bei Schöpfungen von Menschenhand nicht erreichbar, die Architektur mithin mit einem Makel der Unvollkommenheit belegt sei. Und darin machte sich womöglich schon eine Verweltlichung des Architekturdiskurses bemerkbar.

1_http://www.jmberlin.de/main/DE/01‐Ausstellungen/02‐Sonderaustellungen/2014/bios‐torah.php (25.07.2014).

2_ Architectural Design, 84.3 (2014), 14ff.

3_ Joachim Güntner, Ein Roboter als Kalligraf heiliger Schriften – Die Seele des Tora-Schreibers, in: Neue Zürcher Zeitung, 25. Juli 2014.

4_ http://www.jmberlin.de/blog/2014/05/von‐der‐theorie‐zur‐praxis‐des‐tora‐schreibens/ (25.07.2014).

5_ Ruth Schneeberger, Warum ein Roboter die Tora schreibt, in: Süddeutsche Zeitung, 26. Juli 2014.

6_ Gershom Scholem. Zur Kabbala und ihrer Symbolik. Frankfurt/M 1992 (1960). S. 59f.

7_ Thomas von Aquin, Summa theologica, I qu. 15, zit. nach: Erwin Panofsky. Idea – Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie. Berlin 1960 (1924). S 21.

© Sokratis Georgiadis, 2015

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