„Produktive Theorie“

In den diesjährigen Architekturtheorietagen, die am 2.-4. November an der Leibniz Universität Hannover stattfanden, stand die Frage nach einer „Produktiven Theorie“ in Forschung und Lehre zur Debatte. Was könnte mit diesem Terminus gemeint sein und in welcher Beziehung könnte diese Art von Theorie zu anderen Theoriegenres stehen?

Vom 11. bis zum 15. Dezember 1967 wurde auf Initiative von O. M. Ungers an der TU Berlin ein Symposion, das erste seiner Art, unter dem Titel Architekturtheorie ausgetragen. Einleitend begründete Ungers seinen Vorstoß mit der Überlegung, dass, wie er sagte, „nach einer Periode umfangreicher Bautätigkeit und gleichzeitig am Beginn einer Entwicklung noch größeren Umfangs notwendig sei, den Versuch zu unternehmen, nach theoretischen Grundlagen zu forschen.“ Trotz der hochkarätigen Besetzung des Symposions – Friedrich Achleitner, Reyner Banham, Peter Blake, Lucius Burckhardt, Ulrich Conrads, André Corboz, Günther Feurstein, Kenneth Frampton, Sigfried Giedion, Otto Graf, Antonio Hernandez, Jörn Janssen, Jürgen Joedicke, Julius Posener, Colin Rowe, Eduard Sekler, Sam Stevens und Adolf Max Vogt waren dabei – konnte sich der Anspruch von O.M. Ungers, einen Anstoß zur Erarbeitung theoretischer  Grundlagen der Architektur zu geben, nur teilweise erfüllen. An der TU Berlin selbst hatte das Fach zunächst enorme Schwierigkeiten, sich zu etablieren. Als dies geschah, galt als Architekturtheorie die Geschichte der Architektur nach dem deutschen Spätbarock. Dennoch war der Vorlesungskurs von Julius Posener, der damals unter einem Lehrauftrag lief, einmalig und unvergesslich. Anderswo liefen die Dinge etwas besser für die Architekturtheorie: 1967 entstand in Zürich das Institut gta, das (zumindest in den Gründungsjahren) die Idee der Zusammenführung von Geschichte, Theorie und Entwerfen vertrat. Im selben Jahr kam Manfredo Tafuri nach Venedig mit seinem eben erschienenen Teorie e storia dell’architettura, eine der einflussreichsten Schriften zum Thema in den kommenden Jahrzehnten. 1968 gründete Jürgen Joedicke das Institut für Grundlagen der Modernen Architektur und Entwerfen an der Uni Stuttgart, das – unter dem damaligen Einfluss von Systemtheorie, Kybernetik usw. – eine deutlich theoretische Orientierung, gleichwohl mit dem Entwerfen als notwendigen Bestandteil hatte. 1974 trug Stanford Anderson entschieden zur Einführung des History, Theory, and Criticism Program am Massachusetts Institute of Technology und im selben Jahr übernahm Royston Landau die Leitung der Graduate School der Architectural Association in London mit dem History and Theory Programme als seine Hauptstütze. Obwohl Architekt*innen seit je her theoretisieren, ist also die Architekturtheorie als akademisches Fach Angelegenheit des letzten halben Jahrhunderts.

Und dennoch, innerhalb dieses relativ kurzen Zeitraumes seit ihrer institutionellen Verankerung erlebte die Theorie eine rasante Entwicklung, eine frappierende Vervielfältigung ihrer Gegenstände, so dass sie bald die Gestalt eines Monstrums mit tausend Fangarmen annahm. Wollte man das architekturtheoretische Feld kartographieren, wie es sich in Forschung und Lehre inhaltlich und methodisch ausnimmt, so stieße man auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen. Da ist zunächst die Geschichte der Architekturtheorien von Vitruv bis heute, also das, was Hanno Walter Kruft 1985 in Buchform gebracht hat und als Tradition auch in der Lehre begründete. Als nächstes käme die Architekturtheorie als enzyklopädische Beschäftigung mit den aktuellen Diskursen, wobei man natürlich darüber streiten kann, was in der Theorie aktuelle Relevanz besitzt und was nicht. Eine stark philosophisch informierte Theorie ist, drittens, nicht minder beliebt und wie sie konkret ausfällt, hängt von den jeweiligen Denkpräferenzen ab: Kritische Theorie in Anlehnung an die Frankfurter Schule und in ihrer Nachfolge, Phänomenologie, Strukturalismus, Dekonstruktion, Poststrukturalismus und neuerdings auch spekulativer Realismus haben alle ihre mächtigen und weniger mächtigen architektonischen Ableger. Eine Architekturtheorie „in einem erweiterten Feld“, hier gemeint als Theorie, die sich als Kulturwissenschaft versteht, ist, viertens, seit den 1980er Jahren auf dem Vormarsch mit einer beinahe unübersichtlichen Vielzahl von Teilgebieten: Feminismus, Identitätstheorie, Postkolonialismus, Sozialtheorie (v.a. im Zusammenhang mit dem Städtebau), Psychologie, Medien- und Kommunikationstheorie und vieles mehr. Um die Jahrtausendwende betrat schließlich eine vermeintlich neue Art des Theoretisierens die Bühne, die sich dem Grundsatz verschrieb, dass Theorie nur dann interessant sei, wenn sie imstande sei, Design zu produzieren, also den Fokus eindeutig von der Theorie selbst auf ihre Operabilität im Entwerfen verschob: „ A design theorist is interested in being operational” (Somol, 268). Aus dieser Fülle der Ansätze entwickeln sich zwei deutlich unterscheidbare Tendenzen, einerseits die Ausdifferenzierung der verschiedenen Theorieteilfelder mit der Herausbildung von distinkten Kompetenzprofilen, die sich zunehmend verselbständigen, andererseits ihre Überlappung, Durchquerung und Durchmischung in Konglomerate mit schwer erkennbaren Konturen. Jedenfalls ist es kaum noch möglich, von der Architekturtheorie im Singular zu sprechen, viel eher von verschiedenen Theoriegenres oder Theoriestilen.

Es mag paradox erscheinen, dass ungeachtet dieser bis an den Rand gefüllten theoretischen Schatztruhe, die sich in der beinahe inflationären Textproduktion unübersehbar manifestiert, allenthalben von einem „Ende“ oder gar „Tod der Theorie“ gesprochen wird. Die Rede davon hat auch Tradition. Sie geht vielleicht zurück auf Roland Barthes „Tod des Autors“ (auch 1967), aber die Tode und Enden häuften sich auf beunruhigende Weise in den 1980ern und 1990ern und setzten sich mit unverminderter Wucht bis heute fort. Im Hintergrund stand das Ende der großen Erzählungen, die Jean-François Lyotard in seinem La Condition postmoderne – Rapport sur le savoir in apokalyptischer Manier 1979 verkündete. Aber bald fanden sich auch andere Todesgründe mit gesamtkulturellem wie spezifisch architektonischem Bezug. Bleiben wir beim Letzteren, so wird z.B. die enge Umarmung der Architektur von den Kräften des neoliberalen Marktes als Ursache zum Ausdienen der Theorie diagnostiziert. Denn die Investorenmacht, so lautet das Argument, ist zwar zur Ausschmückung ihres recht unfreundlichen Gesichts an von einer architektonischen Elite produzierten architektonischen Bijous noch interessiert, der Architektur als kulturelle Leistung zeigt sie aber ansonsten die kalte Schulter, etabliert damit zwar ein architektonisches Star System, bringt aber die Theorie zum Ersticken. Da sind ferner die neuen Werkzeuge, die der Architekt*in zur Verfügung gestellt werden und sie zu kopflosen d.h. auch theoriefernen je nach dem Softwarenutzer*innen, Scriptwriter*innen, BIM-Manager*innen usw. degradiert und sie in digitale Autist*innen verwandelt. Fokussiert man auf den universitären Bereich, so zwingen Bologna-Prozess, Evaluations- und Akkreditierungswut, Exzellenzcluster, Fundingwettbewerb, die „Managerial Revolution“, wie Joan Ockman diese Phänomene kumulativ bezeichnet, zu Stromlinienförmigkeit und zu einem Konformismus, die der Theorie ihre letzten Lebenssäfte aussaugen.

Vielleicht lässt sich aufgrund dieser raschen Skizze erkennen, worin der Grund für das vorhin erwähnte Paradoxon – die Theoriefülle einerseits, ihr Niedergang andererseits – liegt: in einem Auseinandergehen nämlich von Theorie und Praxis der Architektur, in der Auflösung ihrer Verknotung und zwar in einem bisher nie gekannten Ausmaß. Und die Theorie wird bestenfalls zu einem schöngeistigen, aber sonst architektonisch irrelevanten und damit verzichtbaren Zeitvertreib und die Praxis zu einer im Markt beliebig verhandelbaren Ware ohne jede kulturelle Bedeutung. Das alles natürlich in der Tendenz.

Also: Was tun? Bietet etwa die „produktive Theorie“, die als Überschrift der Hannoveraner Tagung gewählt wurde, eine Möglichkeit, das Verfallen in eine eschatologisch grundierte Nekrophilie oder in einen kritisch motivierten Miserabilismus abzuwenden und für sie womöglich neue Perspektiven zu eröffnen? Zuallererst gälte zu klären, was ‚produktiv‘ denn meint, welchen Begriff der Produktion, mit anderen Worten, sich die ‚produktive Theorie‘ zugrunde legt. Denkbar wäre ein logischer Produktionsbegriff, der die Methode des Übergangs vom Allgemeinen zum gleichermaßen Allgemeinen oder aber zum Besonderen kennzeichnet. Für den vorliegenden Fall scheint dieser Produktionsbegriff allerdings nicht sonderlich viel herzugeben. Denkbar wäre ferner ein ökonomischer Produktionsbegriff, bei dem es um die Verwandlung von Produktionsfaktoren, wie Arbeit, Rohmaterialien usw. in Konsumgüter geht. Aber auch dieser Produktionsbegriff scheint für den vorliegenden Fall als wenig ergiebig. Ich vermute, dass die Organisator*innen des Events einen anderen Produktionsbegriff im Sinn führen, der uns in der Tat in die Nähe der klassischen Philosophie führt und namentlich auf den Aristotelischen Produktionsbegriffs. Bekanntlich unterteilte der antike Philosoph das Wissen in drei Kategorien, das theoretische, das praktische und das produktive. Das theoretische ist Wissen um seiner selbst willen; das praktische bezieht sich auf Handlungen, die auf das öffentliche und private Gute abzielen. Es gibt schließlich ein drittes Wissen, das man je nach dem als hervorbringendes oder produktives Wissen ins Deutsche übersetzt, das die Herstellung von Artefakten betrifft. Im VI. Buch seiner Nikomachischen Ethik benutzt Aristoteles für dieses Wissen, das sogenannte produktive, ein einziges Beispiel, die ‚οικοδομική τέχνη‘ (Oikodomike Techne) oder die Baukunst (1140a). Interessant sind die Worte, die das Bauen bezeichnen: ‚ποιητική μετά λόγου‘ (Poietike meta Logou), sagt Aristoteles: eine vernunftbegleitete Poetik ist genau genommen der Begriff, den er verwendet und nicht „ein auf das Hervorbringen [oder die Produktion] abzielendes reflektierendes Verhalten“, wie es mancher Übersetzer möchte (Dirlmeier, 125). Nicht allein Reflektion ist dieser Logos, sondern ein Denken, das der Poesie zugrunde liegt und ihr verschrieben ist, wobei die Poesie wiederum nicht allein auf die Fertigkeit und Fähigkeit des Herstellens beschränkt ist, bezieht sie sich doch nicht nur auf die nützlichen Künste, sondern gleichsam auf die gesamte Kunst, das Theater und die Rhetorik. Ich will hier keine philosophische oder gar philologische Diskussion eröffnen, geschweige denn Antikenkult betreiben. Die Idee taucht ja in verschiedenen Varianten wiederholt auf, etwa in der Moderne, in Paul Klees „bildnerischem Denken“ oder neuerdings in der ‚projective theory‘ und jetzt in der ‚produktiven Theorie‘, die demgemäß nach einer unmittelbaren Nähe der Theorie zum architektonischen Projekt verlangt und nach der Aneignung ihrerseits poetischer, mithin imaginativer, spekulativer und projektiver Denkmodi. Gegenwärtig bieten Lehre und Forschung das beste Terrain zur Umsetzung dieser Forderungen.

© Georgiadis, 2017

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