Auratischer Locus

Es war im Mai 1983. Zwei Tage lang durfte man das frisch renovierte und damals leer stehende  Citrohan-Haus besichtigen. Ich befand mich zufällig in Stuttgart und pilgerte natürlich zum Weißenhof. Das Publikumsinteresse war groß, der Garten und das Haus selbst voller Leute – wie man an Kleidung, Gestik, Wortschatz und Geruch leicht erkennen konnte, die meisten von ihnen Architektinnen und Architekten. Der größte Andrang  herrschte vor der Toilette des 2. OG. Die Architekten haben’s irgendwie mit Toiletten. Zu Recht, denke ich, denn an der Toilette kann man sehr oft den architektonischen Standpunkt weit besser wahrnehmen und verstehen als, sagen wir, am Salon oder an der Fassade und dies trifft auf Le Corbusier allemal zu. Und – wie es sich bald herausstellen sollte – das Haus am Weißenhof bestätigte dies auf ganzer Linie. Nach geduldigem Warten kam auch ich endlich dazu, den kleinen Raum zu betreten – als Besucher, nicht als Benutzer. Mein Blick fiel sofort auf das Fenster; sehr viel mehr gab es da ja auch nicht zu sehen. Aber, was für ein Fenster! Ein schmaler Schlitz, der jedoch vom Boden bis zur Decke reichte, direkt gegenüber dem Klo. „So hat man das Gefühl, auf die ganze Welt zu…“, sagte der Kollege, der neben mir stand und meine Bewunderung gespürt hatte.  Er hatte auch den Punkt getroffen: in diesem Fenster verdichtete sich in der Tat die gesamte geistige Substanz nicht nur des spezifischen Hauses, sondern der ganzen Siedlung. Man wollte, man hatte mit dem, was war, mit der existierenden Welt gebrochen – radikal und unerbittlich: mit der Protzigkeit des Wilhelminismus, mit der historischen Fassade,  mit der massenhaften Kasernierung der Menschen in muffigen, ungesunden  Interieurs und düsteren Innenhöfen aber auch mit den damals kursierenden Traditionialismen jeder Couleur, völkischen oder bloß nostalgischen Zuschnitts – zum Teufel mit alledem!  „Licht, Luft, Öffnung“ war die Losung und in der „Unverborgenheit“ des Hauses erblickte man die neue Wahrheit der Architektur, die architektonische Fleischwerdung der frohen Botschaft der Modernität.

Ich konnte an jenem Maitag des Jahres 1983 natürlich nicht ahnen, wie sehr sich das Haus und die Siedlung mit meiner eigenen Biographie verbinden würden. Es geht dabei nicht nur darum, dass ich  seit zwanzig Jahren schon das Glück habe, tagtäglich aus meinem Fenster schräg auf etwas Oud, LC und Schneck zu blicken, oder bald direkt auf Mies zu stoßen, wann immer ich den Flur vor meiner Tür entlang laufe. Für mich als ewig Fremden hat der Weißenhof stets auch die Rolle eines Ortes eigenartiger Sozialisation gespielt. Denn der Weißenhof ist etwas wie ein modernes Lourdes oder Santiago de Compostela. Pilger von überall her strömen – trotz Stuttgarter (noch) Kopfbahnhofs – in dieses Welt-Dorf, darunter befinden sich Freunde, Bekannte, Kollegen, Kontakte mithin, die in dieser Intensität und Häufung sonst nie hätten aufrechterhalten oder neu zustande kommen können. Das wichtigste ist jedoch das unsichtbare Kraftfeld, das sich um den Weißenhof bildet und einen unausweichlich in seinen Sog zieht, jene auratische Wirkung dieser merkwürdigen Ansammlung schlichter Kuben , die als Teile eines kultischen Prozessionszuges oder als Figuren einer archaischen Tanzformation erscheinen und  deren man nie überdrüssig wird, egal wie oft man sich ihrem Einfluss aussetzt. Magie lässt sich bekanntlich rational nicht erklären, doch vermute ich,  dass der unwiderstehliche magnetisierende Effekt irgendwas mit der Kompromisslosigkeit des Standpunktes, mit der Begeisterung des Neubeginns und schließlich mit der Andersheit gegenüber allem anderen, kurzum mit Authentizität zu tun hat.

© Sokratis Georgiadis, 2014

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